Grenzüberschreitende Vermittlung für Arbeitssuchende mit Behinderung

Jahrestreffen Participation 4.0: Deutsch-französisches Projekt startet in die praktische Vermittlungsarbeit.

Werden Arbeitskräfte gesucht, ist es innerhalb der EU unproblematisch, sich über die eigenen Landesgrenzen hinaus zu bewerben – allerdings nur für Arbeitnehmer ohne Behinderung. Das deutsch-französische Projekt Participation 4.0 beschäftigt sich damit, dass Menschen mit Behinderung auf beiden Seiten des Rheins die gleichen Chancen erhalten. Nach einem Jahr ziehen die Projektverantwortlichen und ihre Netzwerkpartner bei ihrem Jahrestreffen in Straßburg eine erste Zwischenbilanz und legen den weiteren Kurs fest.

Rund 50 Teilnehmer waren am Dienstagvormittag zum Jahrestreffen des deutsch-französischen Projekts in Centre de la Jeunesse Europèen gekommen. Die ASW+W gGmbH der Lebenshilfe Offenburg-Oberkirch e.V. und ihre elsässischen Projektpartner Solivers und La Régie des Ecrivains haben Participation 4.0 ins Leben gerufen, das als Interreg-Projekt von der EU konfinanziert wird.

Vor einem Jahr hat das Projekt Participation 4.0 seine Arbeit aufgenommen. Die Herausforderung: Strukturen zu schaffen für eine grenzüberschreitende Vermittlung von Menschen mit Behinderung auf Arbeitsuche. Dafür haben die Akteure drei Jahre Zeit. „Wenn wir es schaffen, während des Projekts fünf Menschen mit Behinderung über die Grenzen hinaus zu vermitteln, dann haben wir unser Ziel erreicht“, sagte Achim Feyhl, Geschäftsführer der ASW+W gGmbH und Vorstandsvorsitzender der Lebenshilfe Offenburg-Oberkirch e.V., bei der Podiumsdiskussion im Rahmen der Veranstaltung. Er betonte auch, dass wenn Barrieren abgebaut würden, immer ein „Kollateralnutzen“ entstehe. „Machst du was für Menschen mit Behinderung, tust du was für alle!“ Wenn zum Beispiel Unternehmen Prozesse und Abläufe simplifizieren und aufsplittern, so dass Menschen mit Behinderung Aufgaben übernehmen können, würden Fachkräfte entlastet.

Von Beginn an stand die Bildung eines deutsch-französischen Netzwerks im Vordergrund. Netzwerkpartner und Projektverantwortliche arbeiteten Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Arbeitsmarktsituation insbesondere für Menschen mit Behinderung heraus. In den letzten Monaten startete das Projekt auch in die Praxisphase. „Wir begleiten aktuell sieben Menschen mit Behinderung aus Frankreich. Sehr unterschiedliche Profile, aber alle sind sehr motiviert“, informierte Projektleiterin Farahe Midani die Versammlung.

Unterschiede in den Systemen bedingen immer noch Hindernisse in der Vermittlung von Menschen mit Behinderung. „Es gibt Beeinträchtigungen in Frankreich, die in Deutschland nicht anerkannt sind, und umgekehrt auch.“ Dies sei ein nicht zu unterschätzender Unsicherheitsfaktor für alle Beteiligten: den Menschen mit Behinderung, den potentiellen Arbeitgeber und auch für das Projekt, das vermittelt. Denn welche Finanzhilfen zur Verfügung stehen, um Menschen mit Behinderung zu integrieren, ist abhängig von der Einordnung und Anerkennung der Behinderung.  Um nach Deutschland zu vermitteln, müssen die Voraussetzungen in Deutschland anerkannt sein, um zum Beispiel über die Agentur für Arbeit, notwendige Hilfsmittel für die Arbeit beantragen zu können. Wenn ein Bewerber aus Frankreich in Deutschland im Projekt startet, steht das noch nicht fest.

Bislang könne ein Behindertenausweis in Deutschland nur ausgestellt werden, wenn der Antragsteller in Deutschland wohnt oder hier arbeitet. Arbeitssuchende, würden noch nicht berücksichtigt. Und eine Anerkennung der Behinderung in Frankreich garantiere keine Anerkennung in Deutschland. Die Kommunale Behindertenbeauftragte des Ortenaukreises, Anita Diebold, als Koordinationsstelle für die Belange von Menschen mit Behinderungen unterstützt das Projekt ausdrücklich. "Zunächst müssen die Barrieren im Detail identifiziert werden, damit Abhilfe geschafft werden kann und im nächsten Schritt müssen die jeweils richtigen Ansprechpartner ausfindig und zusammengebracht werden, hier helfe ich gerne".

„Wir haben für unsere Teilnehmer Lösungen gefunden, aber es gibt viel zu tun, um die Prozesse zu beschleunigen“, berichtet Midani. Wo weitere Hürden aus dem Weg geräumt werden müssen, zeige jetzt die Praxis. Lösungen zu finden und umzusetzen gelinge nur gemeinsam, betonte die Projektleiterin: „Wir brauchen ein solides, gut funktionierendes, grenzüberschreitendes Netzwerk.“

Qualifizierungsbausteine für beide Seiten des Rheins

Um auch Menschen mit Behinderung über die Grenzen hinaus in Arbeit vermitteln zu können, die keinen anerkannten Ausbildungsberuf mehr ausüben können, arbeitet das Projekt mit seinen Netzwerkpartnern auch hier an Lösungen. „Wir sind froh, dass wir hier Vertreter der Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein zu unseren Netzwerkpartnern zählen können, ebenso wie das französische Pendant CCI in Straßburg“, so Midani.

Insbesondere in den Bereichen Elektro, Logistik oder Malerhandwerk würden insbesondere in Deutschland qualifizierte Arbeitskräfte gesucht. Das Projekt entwickelt Qualifizierungsbausteine mit Bildungsrahmenplänen, die auf beiden Seiten des Rheins Anerkennung finden. Hierbei orientiert sich das Projekt an ECVET, dem Europäischen Leistungspunktesystem für die Berufsbildung.

Das Projekt Participation 4.0

Die ASW+W gGmbH der Lebenshilfe Offenburg-Oberkirch e.V. und ihre elsässischen Projektpartner Solivers und La Régie des Ecrivains haben Participation 4.0 ins Leben gerufen, das als Interreg-Projekt von der EU konfinanziert wird.

Assoziierte Partner auf beiden Seiten des Rheins unterstützen die Idee. Hierzu gehören in der Ortenau die Agentur für Arbeit Offenburg, Algeco GmbH, die Arbeitsgemeinschaft Behindertenhilfe im Ortenaukreis e.V., der deutsch-französische Wirtschaftsclub CAFA-RSO, Elektro Birk, die IHK Südlicher Oberrhein, die Kommunale Arbeitsförderung Ortenaukreis Jobcenter. Zu den Partnern auf französischer Seite zählen CAP Emploi, das Département du Bas-Rhin, der Eurodistrikt Strasbourg-Ortenau und Keeseek.

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